Existenz

Gehängt

 

Sonnenlicht blendet, früh zwischen den Dächern blinzelnd.
Kälte vertreibend, die Muskeln lähmend, Knochen schmerzend.
Tiefes Atmen, tiefes Schnauben.
Langsames Erwachen in das Neue, das Alte, das Immerwährende.
Er setzt sich mit lautem Stöhnen, Husten, Fluchen.
Jeden Tag, jeden Morgen ist er da.
Sitzend – immer an dieser Stelle.
Sein Platz. Sein Refugium.
Hart erkämpft, geduldig erfochten. Permanent verteidigt.
Sich zurechtsetzend auf der Decke, wartend auf die ersten Almosen.
Betrachtet er die Schuhe, die Beine, die an ihm vorbeihasten.
Kein Blick hinauf, in abweisende Gesichter, manchmal mitleidige.
Warum sollte er – er will nicht sehen.
Nicht gesehen werden, als Person.
Will sich Ablehnung, Abscheu, Hochmut, Aggression ersparen.
Will Mitleid und Güte einfach nicht sehen.
Auch er war wie die anderen. Existenz, Leben.
Jetzt existiert er. Mehr nicht.
Durch eigene Schuld so tief- durch fremde Schuld nichts vergeben.
Zweite Chancen werden nicht gewährt.
Dann fällt man, tief, lange, langsam.
Verzweiflung erlaubt er sich nicht.
Genugtuung den anderen nicht.
Stumm sammelt er die Cent Stücke.
Dreiundvierzig Jahre alt. Wie lange muss er noch?
Vorgreifen will er nicht. Aber beschleunigen.
So gut er kann. Damit der Frieden bald kommt.
Sein Frieden. Endlich.

Erstmalig das Ende

Erstmalig das Ende

 

Er spürte die Glätte, die Kühle, die Kraft, die Unbeirrbarkeit.

Er roch den Schotter, den Stahl.

Er sah das Zwillingsband vor sich.

Letztmalig.

Er fühlte sich.

Erstmalig.

Die Angst.

Die Unsicherheit.

Die Traurigkeit.

Das gefordert sein, überfordert sein.

Das Sein müssen. Dasein. Hiersein. Vorhandensein. Beständig sein. – Nichtsein?

Durch Dienst. Durch Zwang. Durch Liebe, geliebt sein, lieben. Durch Pflicht.

Er empfand die Strahlen des Mondes auf sich.

Hell. Scheinwerferartig.

Er fühlte die Kühle der Nacht in sich.

Er befühlte sein Sein.

Betastete es. Fühlte es an. Berührte, begriff es.

Dieses Sein. Sein Sein – gewollt ungewollt.

Er verwarf es, wies es zurück. Verbannte, negierte, verschmähte es.

Dankbarkeit in ihm.

Für das, was kam.

Für das erwartete, dass gewollte.

Für das ersehnte.

Er hörte – brausend, laut, unmenschlich, drohend, erstickend – den Lärm.

Er dachte – nichts.

Er fühlte – nichts.

Er rief – nichts. Ein lautes, unendliches Nichts.

Er sah – Wärme.

Er spürte – angenommen, geliebt, gewollt sein.

Er berührte die Unendlichkeit.

Er formte sich. Verformte sich. Masse. Materie.

Die Räder kreischten, weinten, schmerzten.

Die stälernen Wagen kamen zum stehen.

Sich verbeugend vor seinem Tod.

Forssman, Niko: Eurenkina

Barando war erschöpft. Schon stundenlang stand er hier auf dem Hügel, hinter dem großen Stein, und sah gespannt nach Norden, über die weite Ebene. Aber nichts rührte sich. Niemand wirbelte Staub auf. Niemand zeigte sich als kleiner Punkt am Horizont und wurde langsam größer. Vor drei Wochen bereits war Kaso mit seinen Reitern aufgebrochen, um die schwarzen Hunde zu bekämpfen. Im Dorf machte sich Unruhe breit. Kaso war ein großer Anführer, mit vielen Siegen. Aber diesmal –  dauerte es zu lang. Kein Bote kam, um über einen Sieg zu berichten, kein Meldesegler mit einer Nachricht unter den Flügeln. Nichts. Die Bewohner warteten unruhig und ungeduldig, einige sogar bereits ängstlich. Aber darüber konnte Barando nur den Kopf schütteln. Kaso hatte noch immer als Sieger die Schlacht verlassen, und gegen seine Kämpfer in den eisernen Rüstungen hatten die schwarzen Hunde keine Chance. Sie würden niedergemäht werden. Wahrscheinlich hatten die Späher länger gebraucht, sie zu finden. Langsam brach die Dämmerung an, und Barando machte sich Sorgen um seine Ablösung. Bisher waren Krugg und Oliwando immer rechtzeitig gekommen. In der Nacht standen zwei Jungkrieger hier wache. Die schwarzen Hunde kamen bevorzugt in der Nacht. Deshalb war es gefährlicher. Barando sah nach Süden, in Richtung des Dorfes. Aber nichts war zu sehen. Eine Meile hinter ihm begann der dichte Waldgürtel, den er durchqueren musste. Dahinter war das Dorf. Wieder kniff er die Augen zusammen, um in der Dämmerung mehr zu sehen, besser zu beobachten. Von Norden kam nichts, niemand. Von Süden aber auch nicht. Was sollte er tun? Die Nacht hier allein verbringen? Ungeduldig und zornig sah er immer wieder zum Wald. Aber auch, als es fast dunkel war, sah er keine Bewegung, keine Fackel. Nichts. Er kämpfte lange mit sich. Den Platz zu verlassen war verboten. Seine Aufgabe war hier. Aus welchem Grund auch immer, er würde wohl nicht abgelöst werden. Barando kochte vor Wut, aber dann machte er sich daran, diese Bewährungsprobe zu bestehen. Schließlich war er kein Jungkrieger. Ganze dreizehn Jahre alt, war er in dieser Situation, wo die meisten Männer abkommandiert waren, zur Wache herangezogen worden. Sein Vater hatte ihm verboten, bei den Kriegern einzutreten. Er sollte Händler werden. Trotzdem würde er nicht aufgeben und seinen Posten verlassen. Er nahm die Decke vom Boden und wickelte sie um seine Schultern. In der Dunkelheit wurde es empfindlich kalt, eigentlich müsste der Schnee schon gefallen sein. Der grausame Winter stand bevor.  Feuer konnte er auf seinem Posten auch nicht entzünden. Hunger hatte er ebenso. Nur Wasser war noch genügend da, wie er mit einem schütteln der Flasche feststellte. Er machte sich auf die lange Nachtwache gefasst.
„Du wachst schlecht!“ Die Stimme ließ ihn aufschrecken. Im fahlen Dämmer des Morgens erkannte er Balumir, einen Kämpfer. „Verzeih, ich bin – ich wurde nicht abgelöst, ich bin – es tut mir leid.“ Zerknirscht setze Barando sich auf. Verdammt, wann war er eingeschlafen? „Nicht abgelöst?“ Balumir zog die Stirn kraus. Einen Moment überlegte er. Dann richtete er sich auf und starrte erst nach Norden, dann nach Süden. „Das heißt nichts Gutes. Komm.“ Ohne weiter auf Barando zu achten, schritt er weit aus, in Richtung des Dorfes. Barando hob schnell seine Sachen auf und beeilte sich ihm zu folgen. „Aber – aber ich darf hier nicht einfach weggehen.“ „Wenn du schläfst, nützt du hier auch nichts.“ Getroffen von dem Vorwurf, schwieg Barando. Nach kurzer Zeit hatten sie den Waldrand erreicht und traten in den Schatten ein. Jetzt wurde Balumir vorsichtiger. Er achtete sorgfältig auf das Unterholz, suchte nach Spuren und abgebrochenen Ästen. Barando tat es ihm gleich, aber sie konnten nichts finden, das sie beunruhigte. Immer wieder schüttelte Balumir den Kopf. „Schneller. Ich hoffe, meine Befürchtungen sind falsch. Komm schneller.“ Barando sah Balumir an. „Was ist geschehen?“ „Ach Junge – wir haben gekämpft und verloren. Die schwarzen Hunde haben sich mit den Maranen zusammengetan. Sie waren – uns überlegen. Kaum einer konnte entkommen. Weder Kaso noch die großen anderen. Sie haben mit Verstand und List angegriffen, uns in eine Falle gelockt. Wir waren –machtlos.“ Entsetzt hörte Barando die Worte. Balumir war sichtlich erschöpft, noch immer verschreckt und machte sich große Sorgen. „Das ist schon sieben Tage her. Ich habe so lange gebraucht, bis ich wieder hier war. Ich weiß nicht, wer sonst noch entkommen konnte. Aber wir müssen uns auf Schlimmes gefasst machen. Ich habe Angst um das Dorf.“ „Bei uns ist niemand vorübergekommen.“ „Auch nicht, als die Wächter schliefen?“ Balumirs Blick ließ Barando erschauern. „Ach was soll es Junge. Nein, sie werden nicht bei euch vorübergekommen sein. Sonst wärst du nicht mehr am Leben. Aber – der Weg über den Dumbel-Pass ist für die Hunde nicht unmöglich.“ Der Magen zog sich zusammen und Barando wurde es übel „Du meinst – sie waren, sind …. im Dorf?“ „Ich hoffe nicht.“ Schnell drehte Balumir sich um, damit Barando seine Tränen nicht sah, und schweigend gingen sie weiter. Immer schneller werdend und immer weniger auf Zeichen achtend, getrieben aus der Sorge um das, was sie erwarten würde. Noch zwei Biegungen, dann würden sie das Dorf sehen. Sie lauschten – nichts. Nicht einmal die Stimmen der Frauen, das Kreischen, das Lachen, das Weinen der Kinder. Kein Geruch nach den morgendlichen Herdfeuern. Keine Tiere. Einfach ein großes Nichts. Der Waldrand. Sie sahen zu den Häusern hinter der leichten Holzpalisade. Zum Tor, das offenstand, unbewacht. Lauschten und rochen und sahen nichts. Ausgestorben. Leer. „Sie waren schon hier.“ Balumir flüsterte es. Keiner von beiden mochte weitergehen. In das Dorf hinein.                                Sie waren erstarrt und sahen nur auf das tote, stille Dorf.
Sie traten durch das Tor. Barando sah nichts Außergewöhnliches.  Nur, dass alles leer war. Balumir zog seinen Dolch und betrat die erste Hütte. Alles stand dort, als wären die Bewohner nur kurz hinausgegangen. Schnell inspizierte er die Räume. Nichts. Kein Anzeichen von Plünderung oder Kampf. Er trat hinaus und gab Barando einen Wink. Zusammen gingen sie von Hütte zu Hütte bis zum Haus Kasos. Die Tür war verschlossen. Von außen. Balumir hielt den Jungen zurück. Dann lauschten sie. Nichts. Er nahm Schwung und trat mit Wucht gegen das Tor. Es war nur leicht verschlossen, und mit einem Getöse schlug es auf. Beißender Gestank kam ihnen entgegen. Sie traten ins Dämmerlicht – und entsetzt fuhren sie zurück. Der Boden war übersät mit Körpern. Kleine Körper. Die Kinder des Dorfes. Sie lagen wild durcheinander. Aber – es war Leben in ihnen. Im hinteren Teil des Raumes nahmen sie eine Bewegung wahr. Galanda schlurfte auf sie zu, die Heilerin des Dorfes. Sie hatte Tränen in den Augen. „Endlich seid ihr zurück. Zu spät seid ihr zurück. Wo ist Kaso?“ Hilflos hob Balumir die Schultern, schüttelte den Kopf. So schnell sie konnte, humpelte Galanda an ihnen vorbei zur Tür, sah hinaus. „Wo sind die anderen?“ Sie sah Barandos verweinte Augen und fragte leis: „Niemand? Niemand außer euch?“ „Niemand.“ Wie es ihre Art war, nahm sie es schweigend auf. Sie hatte schon so viel erlebt, war älter als zwei Generationen, und sie nahm auch diese schreckliche Nachricht still auf. „Die Kinder werden bald erwachen. Ich habe sie schlafen gelegt, um sie ruhig zu halten. Um uns zu retten. Kommt.“ Sie ging mit den beiden zur Kochstelle und gab ihnen jeweils einen Becher der heißen Brühe. Dankbar schlürften sie es schnell leer. Dann ließen sie sich erschöpft auf den Boden sinken. „Erzähl.“ Galanda forderte Balumir ruhig auf. Und er erzählte erneut, was geschehen war. „Die Maranen. Diese kleinen widerlichen Zwergfaune. Sie haben die Hunde abgerichtet.“ Galanda erzählte, was geschehen war. „Sie kamen in der Nacht und umstellten jedes einzelne Haus. Auf den Leithunden saßen Maranen und gaben die Befehle. Entgegen allem waren die Tiere gehorsam, leise, nicht eine bellende Meute wie sonst. Dann traten sie in jedes Haus, und holten zuerst die Kinder. Da waren die wenigen Männer machtlos. Die Maranen kicherten und zischten die ganze Zeit abscheulich und die Hunde gehorchten auf jeden Wink. Es dauerte nicht lang, und alle waren zusammengetrieben. Sie nahmen sie mit. Die Frauen zur Freude, die Männer – als Futter für die Hunde. Und die kleinsten Kinder – auch. “ Sie biss sich auf die Lippen. Entsetzt sprangen die beiden auf, als sie das hörten. Nach vielen, heftigen Atemzügen beruhigten sie sich etwas. Barando konnte nur immer wieder flüstern: „Meine Eltern. Meine Eltern.“ „Ich selbst war in der Höhle des Heiligtums und sie haben mich nicht gesehen. Sie trieben die Kinder hier hinein, um sie loszuwerden.                                                                                     In einem Moment schlüpfte ich unbemerkt dazu und als sie abzogen, verschlossen sie das Tor. Sie wollten die Kinder einfach verhungern lassen. Oder später holen, ich weiß es nicht.“ Balumir stand auf. „Versorgt die Kinder. Ich sehe mich etwas um.“ Er ging hinaus und inspizierte die Hütten. Nach und nach trug er alles hinaus, was ihm für die Wanderung wichtig erschien. Ja Wanderung. Sie mussten fort. Wer weiß, wann die Maranen mit ihren teuflischen Hunden zurückkamen. Er trug alles auf den großen Platz. Eine Menge Waffen waren zurückgeblieben. Pfeile und Bögen, lange Dolche und auch zwei, drei Lanzen. Im Haus waren an die zwanzig Kinder. Er kannte sie alle. Sie waren zwischen sieben und zwölf Jahren alt, wenn er es richtig wusste. Seufzend zählte er die Waffen. Als er aufblickte, kamen die Kinder, noch wackelig und mit fahler Haut, aus dem Haus. Sie hatten schreckliches erlebt. Aber sie waren erzogen zum Weiterleben. Hinter den Kindern erschien Barando. Er hatte sich gefasst. Irgendwann würde er zusammenbrechen, das wusste er, aber jetzt galt es, etwas zu tun. „Ihr seid jetzt das Volk der Asmonen. Ihr müsst unser Leben und unser Erbe weitertragen. Es ist eure Pflicht, euch Schutz zu suchen, weiterzuleben, damit der Name und die Geschichte der Asmonen nicht untergeht. Habt ihr mich verstanden?“ Galanda war es, die das gesagt hatte. Sie sprühte Entschlossenheit und Willen aus. „Ihr seid jetzt alles.“ Sie trat zu Balumir und Barando. „Das war gut gesagt. Aber wie?“, fragte Balumir. „Ihr beiden werdet die Kinder zu den Eurenken bringen, am östlichen Himmel.“ Barando protestierte. „Oh nein, das schaffen wir niemals. Eurenkina ist so weit und der Weg gefährlich.“ „Siehst du einen anderen Weg?“ fragte Balumir. Galanda schüttelte den Kopf. „Nein.“  Der alten Frau war es schwer ums Herz. Alles hier verlassen, die Lüfte, die Tiere, das Land. Das Heiligtum. Einige der Kinder sahen zum Tor, ihre Gesichter hellten sich auf. „Da, seht.“ Schnell sahen alle in die Richtung. Eine Gruppe von Frauen kam vorsichtig auf sie zu. Abgerissen, verdreckt – lebend. Ein unbeschreibliches Rufen und winken begann, einige Kinder fielen ihrer Mutter in die Arme, andere standen und weinten. Neun Frauen waren es. Sie hatten sich auf dem Zug absetzen können, waren bei einem großen Durcheinander, das bei einer Fressorgie der schwarzen Hunde entstanden war, in das hohe Gras der Ebene verschwunden und hatten sich mühsam bis hierher durchgekämpft. Müde und ausgehungert sanken einige zu Boden, und schnell übernahm Galanda das Kommando, sorgte für Essen und frische Kleider, kümmerte sich um Betten und bald waren die meisten der Frauen in tiefen Schlaf gesunken. Heute würden sie nicht weiterkönnen. „Wir werden morgen früh losziehen. Lasst uns entscheiden, was zu tun ist.“ Galanda hatte sich mit Balumir und Barando auf die Terrasse zurückgezogen. Im Haus war es jetzt ruhig, bis auf Träume, die die Schläfer quälten. „Ja – Ich sage euch, was ich vorhabe. Ich werde den Maranen folgen.                                                                  Vielleicht finde ich noch weitere, die entkommen konnten, vielleicht kann ich etwas tun. Ihr beide führt die Gruppe zu den Eurenken. Ich werde euch alle nachschicken, die ich auffinden kann.“ Barando sah Balumir an. Er sollte mit Frauen und Kindern allein losziehen? Aber er schwieg. Vielleicht war es wirklich das Beste. „Ja, das ist gut so. Aber – ich werde hierbleiben.“ Galanda hob die Hand, um ihre Proteste zu unterdrücken. „Ich bin zu alt, für eine solche Wanderung. Ich habe meine vielen, vielen Jahre hier verbracht. Bei dem Heiligtum, und ich werde es weiter tun, bis mein Leben zu Ende ist und ich bei M’go bin.“ Die beiden anderen sahen, dass sie entschlossen war. Wortlos machten sie sich daran, den morgigen Abmarsch vorzubereiten.
Die Sonne schien fahl durch den nebligen, feuchten Dunst. Nass war es und kalt und ihr Atem kam in Wolken aus ihren Mündern. Sie waren vor einigen Stunden losgezogen. Barando und Elama, die Frau des Melders, schritten voran. Die anderen folgten, sich auf die Wegführer verlassend. Immer eine Frau hatte sich um zwei oder drei der Kinder zu kümmern. Sie alle schleppten mit sich, was für die Wanderung notwendig war. Vorräte, Kleidung, Waffen. Die ältesten Jungen konnten halbwegs mit Pfeil und Bogen umgehen, so dass sie wenigsten jagen konnten. Mala kannte die vielen Pflanzen, die essbar waren. Sie hatte schon das Dorf mit Kräutern versorgt. Eine richtige Heilerin war sie nicht, aber für kleinere Dinge reichte es. Niemand kannte den genauen Weg. Barando führte sie nach Osten. Diese Richtung mussten sie beibehalten, aber er wusste nichts von dem Land dort. Ihm wurde warm durch die Anstrengung, aber darüber war er froh. Es war empfindlich kalt und der Nebel würde sich bald in Schnee verwandeln. Es würde schwer sein, sehr schwer. Balumir hatte ihm eingeschärft, dass er für die Gruppe verantwortlich war. Das war fast zu viel für ihn. Er war so jung. Elama würde ihm helfen müssen. Ihr Mann war für die Ausbildung und Pflege der Meldesegler verantwortlich gewesen. Jetzt war er mit Kaso und den anderen wohl vernichtet. Aber auch Elama sprach die Sprache der Vögel und konnte ihnen Aufträge erteilen und Fragen stellen. Die intelligenten Flieger konnten so auch als Späher und Führer eingesetzt werden. Zwei der Flieger kreisten über ihnen. Er blickte zurück. Ein trauriger, kleiner Zug von Frauen und Kindern. Der Rest der Asmonen, wie Galanda gesagt hatte? Sie war zurückgeblieben. Kurz hatten sie sich voneinander verabschiedet, dann war sie in Richtung des Heiligtums verschwunden. Balumir hatte sich ebenfalls aufgemacht. Er wollte durch den Dumbel-Pass und dann versuchen, den Feinden zu folgen. Dann waren sie losgegangen und alle hatten geweint. Jetzt war es stiller geworden. Manchmal keuchte und stöhnte jemand. Mehr war nicht zu hören. Barando sah zu den Fliegern hinauf. Wenn sie Eurenkina erreichen würden, würde er Nachricht an Galanda schicken.                                                           Genauso sollte es Balumir tun, wenn er etwas erfuhr. Nach einigen Stunden machten sie Rast. Die Frauen verteilten etwas Verpflegung und alle aßen schnell und hungrig. Barando musste lächeln, als er die beiden Jungen mit den Bögen sah. Sie versuchten so ernst und bedrohlich wie möglich auszusehen. Fast war es amüsant. Elama lächelte ebenfalls. „Sie versuchen wie die Männer zu sein. Sie – sind es ja eigentlich auch.“ Ihr Blick wurde düster. Sie war schon älter, aber wunderschön und stark. Und sie strahlte eine natürliche Autorität aus, da sie durch ihre Stellung eine gehobene Position im Dorf innegehabt hatte. Barando war froh, sie bei dem Zug zu haben. „Ich werde einen Segler vorausschicken. Mal sehen, was uns erwartet.“ Sie pfiff leise und eines der Tiere landete und hoppelte auf seinen Füßen zu ihr hin. Die Segler waren große Tiere, fast so groß wie ein zehnjähriges Kind. So befand sich der Kopf mit dem krummen Schnabel und die blauen Augen fast auf der Höhe von Elamas Gesicht. Sie lächelte das Tier an, strich ihm über Fell und Gefieder und sprach leise zu ihm. Ein Rucken des Kopfes. Es hatte verstanden. Mit einem Zischen erhob sich der Segler und sauste davon. „Gut, das wir Roses dabei haben. Er ist der verständigste von allen.“ Sie stand auf. „So – jetzt versucht, euch ein wenig auszuruhen. Wenn der Segler zurück ist, ziehen wir weiter.“ Sie verbeugte sich leicht in Richtung Barando. „Wenn du es erlaubst.“ Er lächelte. „Natürlich.“ Er hatte keine Scheu, ihr die Führung zu überlassen. Gemeinsam würden sie viel besser und sicherer vorankommen. Nach einer Stunde kam der Segler zurück. Laut zischend landete er neben Elama und die beiden sprachen eine Weile miteinander. Dann rief Elama alle zusammen. Barando stellte sich neben sie, die anderen waren aufmerksam. „Vier Tage entfernt beginnt die Nebelwand.“ Die Kinder schrien auf und auch die Frauen zuckten zusammen. „Müssen wir hinein?“, fragte Gorolo, einer der Jungen. „Leider müssen wir hindurch. Roses sagt, sie wäre ungefähr eine Meile breit und dicht, so dass er nicht sehen konnte, was sich auf dem Boden befindet. Nach dem Nebel kommt das Blühland. Dort werden wir leicht und sicher weiterkommen.“ Barando räusperte sich und sagte: „Wir werden schnell weitermarschieren bis zur Wand. Dort machen wir länger Rast. Damit wir uns alle ausruhen können, vor dem Abenteuer.“ „Die Nebelwand ist kein Abenteuer, sondern der Tod.“ Dunkel sagte es Mirana laut und mit Verzweiflung in der Stimme. Elama und Barando sahen sich an. „Die Nebelwand ist unser Weg. Wir müssen hindurch. Möge M’go uns helfen.“ Barando sagte es mit Bestimmtheit und Elama nickte dazu. In gedrückter Stimmung machte sich die kleine Schar wieder auf den Weg. Die Schritte waren jetzt schwerer, die Angst lähmte. Das Ungewisse machte allen zu schaffen. Zu allem Überfluss begann es auch stark zu schneien. Dicke Flocken rieselten, bedeckten schnell den Boden und die Marschierenden. Dick eingehüllt in Decken und Gewändern stapften sie voran.                                          Barando ließ die Gruppe an sich vorüberziehen und schloss hinten wieder an. Er wollte nicht, dass sie versehentlich jemanden zurückließen oder verloren.
So dicht hatten sie sich den Nebel nicht vorgestellt. Nicht so dicht und nicht so riesig. Soweit sie auch nach links und rechts sahen – überall war die weiße Wand. Für die Durchquerung hatten sie sich vorher abgesprochen. Der Nebel war nicht sehr hoch, vielleicht eineinhalb Männer hoch. Elama hatte die Idee, einen Stab hochzuhalten, so das er mit der Spitze über den Nebel ragte. So konnte Roses, der Segler, ausmachen, wo sie waren und sie, wenn nötig, in die richtige Richtung weisen. Alle waren mit Gürteln und Schals aneinandergebunden, damit niemand verloren ging. An der Spitze ging Elama und ein Bogenjunge. Elama würde den Stock halten, und die Nachrichten ihres Seglers erhalten. Dann gingen Frauen und Kinder immer abwechselnd. Den Schluss bildeten Barando und der zweite Bogenjunge. Barando war nicht wohl dabei, so blind hinter einer Reihe zu gehen, aber er fand sich damit ab. Elama musste die Spitze haben, um ihnen die Richtung zu weisen. Sie hob die Hand. „Vorwärts.“, war alles, was sie sagte, Dann teilte sie mit dem einen Arm den Nebel und stieß hinein. Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Sie konnten nur so schnell gehen, wie das kleinste Kind laufen konnte. Aber blind wie sie waren, hatten sie eh genug damit zu tun vorsichtig aufzutreten. Auch musste der Nebel immer wieder geteilt werden. Wie eine kompakte Masse, wie Wasser, schloss er sich immer wieder um sie, und man konnte am Ende des Gürtels, Schals nicht einmal mehr sehen, wer vor einem ging. Ein Fuß vor den anderen versuchte Elama, die Richtung zu halten. Sie hatten keinerlei Gespür mehr dafür, und nach wenigen Minuten wären sie rettungslos verloren gewesen, ohne den Segler. Er stieß immer wieder hinab, kam mit Zischen neben Elama zu Boden und wies mit dem Schnabel die Richtung. Dann stieg er wieder auf, kreiste, und beobachtete die Spitze des Stabes. Der Boden war felsig, dann plötzlich wieder völlig aufgeweicht, wie Treibsand. Sie mussten Felsen ausweichen und einer tiefen Bodenrinne, was sie immer wieder aus der Richtung brachte. An einigen Stellen war der Nebel höher, als sie den Stab halten konnte, und für einige Meter verloren sie völlig die Richtung. Ein Kind begann zu weinen, dann das nächste. Dann kam Mala auf die Idee, mit ihnen ein Lied zu singen. Leise erst, dann immer mutiger sangen sie schließlich alle das Lied der Wiesen und Felder von Asmonien. Barando gefiel das nicht, es konnte Feinde anlocken, aber dann dachte er, es wäre besser, als alle weinen zu hören. Und den Feinden würde es im Nebel nicht besser ergehen als ihnen. Unendlich. Unendlich lang, dachte Elama, bis sie auf einmal den Nebel teilte und grün sah. Sie jubelte auf, und jeder, der aus dem Nebel trat, tat es ihr gleich. Sie waren am Blühland angekommen. Erleichtert fielen sie sich in die Arme. Die Frauen jubelten, die Kinder lachten und Barando ging zu Elama.    Er wollte sie loben und sich bedanken für die geschickte Führung. Und sie wurde tatsächlich rot, als der Jüngling ihr vollendet seinen Dank aussprach. Die Bogenjungen stellten sich gleich wieder in Positur, als gelte es, Gefahren abzuwehren. Das Blühland war ein Land, in dem es nur Frühling und Sommer gab, eine unendlich breite Ebene, in der alle Pflanzen der Welt angesiedelt waren. Sie wurden hier gepflegt und gezüchtet für den Fall, dass sie einmal benötigt wurden, damit keine aussterben konnte. Bewacht und versorgt wurden sie von den Gärtner der M’go, ein kleiner Stamm von Faunen, die friedlich und ungestört hier leben wollten und konnten, geschützt durch den Nebel. Wohl niemand von der anderen Seite des Nebels war bisher hierher vorgedrungen. Und so dauerte es nicht lang, bis ein Trupp Faun auf sie zukam. Höflich verbeugten sie sich. Barando und Elama traten vor, verbeugten sich ebenfalls, und erklärten, wer sie waren und warum sie hier waren. Der Sprecher der Faun zog die Stirn kraus. „Das tut uns leid, euer Schicksal zu hören. Aber das Blühland ist trotz allem verbotenes Land. Ihr müsst zurückgehen.“ „Herr, also bitte. Wir fliehen vor unserer Vernichtung. Wir müssen hier durch um nach Eurenkina zu kommen. Es gibt keinen anderen Weg.“ „Das mag sein,“ sagte der Sprecher. „Aber diesen Weg gibt es jedenfalls nicht. Bitte geht zurück in den Nebel, und sucht euch eine andere Möglichkeit. Niemand darf durch Blühland. Ihr seid hier nicht willkommen. Schließlich könntet ihr Pflanzen zertreten und sie damit für die Welt vernichten.“ „Dann werden wir uns den Weg erkämpfen,“ stieß Barando verzweifelt hervor. „Ihr? Verzeihung, wenn ich gleich lache. Aber ich glaube nicht, dass ihr gegen M’go kämpfen wollt, und ihre Gärtner. Wir sind euch weit überlegen. An Zahl, und an Kräften.“ Er hob einen Arm und ein Feuerstrahl schoss aus seiner Hand, drang in den Nebel und verglühte. Erschrocken zuckten alle zusammen. „Was sollen wir denn tun? Was wird jetzt? Wohin?“ Die Fragen schwirrten durcheinander. Roses und Rase, der zweite Segler, landeten dicht neben Elama. Sie sah die beiden nachdenklich an, dann winkte sie sie zu sich, kniete sich hin und sprach ernsthaft mit ihnen. Sie streichelte sie, und die beiden erhoben sich vom Boden und flogen so schnell es ging in Richtung Asmonien. „Was hast du ihnen gesagt?“, fragte Barando. „Warte. Ich habe eine Idee und eine Hoffnung.“. Elama drehte sich zu den Faunen herum. „Herren, wenn wir euch versprechen, keinen Grashalm und keine Pflanze zu berühren, können wir euer Land durchqueren?“  „Wenn ihr mir einen Weg zeigt, wie das gehen soll – gern.“ „Ich bitte euch dafür nur um einige Seile, um uns zu befestigen.“ „Befestigen?“ „Wartet und seht.“ Der Flug nach Asmonien war nicht lang und bald kamen die Segler zurück, gefolgt von vier anderen, die sich noch in der Nähe des Dorfes aufgehalten hatten. Dabei hatten sie auch aufmerksam den Boden erkundet, aber keine Hunde oder Maranen gesehen. Allerdings auch keine Asmonen.                                                               Alle ließen sich nieder und Elama begrüßte die Schar und sprach mit ihnen. Dann endlich weihte sie Barando ein. Er war skeptisch. Aber bald fügte er sich, allein schon, weil es keine andere Möglichkeit gab. Zusammen mit den anderen Frauen, denen Elama gesagt hatte, wie es weitergehen sollte, begannen sie, aus den Tauen Geschirre für die Segler zu fertigen und sie ihnen anzulegen. Dann verbanden sie einmal vier und einmal zwei Tiere miteinander und befestigten lange Taue, die sie am Ende zusammenknoteten. „Roses sagte, die Ebene wäre unendlich lang, aber nur drei Meilen breit. Diese drei Meilen müssen wir überwinden. Sie werden uns hinübertragen.“ Barando erklärte den Kindern, was sie vorhatten. Immer eine Frau und ein Kind würden gemeinsam fliegen, so dass niemand allein sein musste. Die vier Segler würden die Frau, die zwei das Kind heben und über die Ebene zum Ende des Blühlandes bringen. Das würde eine Weile dauern, wohl den ganzen Tag, aber es war die einzige Möglichkeit. Die Faune waren erstaunt, dass zu hören, dann neugierig, wie es gehen würde. Aber helfen wollten sie nicht. Und auf der ganzen Strecke würden sie Wächter postieren, die genau darauf achteten, dass keine Pflanze beschädigt wurde. Das würde das sofortige Ende des Versuchs bedeuten – und den Tod dessen, der die Beschädigung verursacht hatte. Die anderen würden zurück in den Nebel getrieben werden. „Wir sind Flüchtlinge, heimatlos, und ihr behandelt uns wie Eindringlinge.“, bemerkte Mala. „Ihr seid Eindringlinge in unsere Welt, egal aus welchem Grund.“, erwiderte der Sprecher. Die Seile waren gebunden und die Schar begann, sich für den Flug fertig zu machen. Barando und ein Bogenjunge sollten die ersten sein. Dann die anderen in lockerer Folge und am Ende Elama und der zweite Bogenjunge, die solang alles beaufsichtigen würden. Barando legte sich die Seile um Hüfte und Schultern und nahm sie fest in die Hand. Vier Segler erhoben sich und schwirrten über ihm. Sie hatten die Aufgabe verstanden, und es sah aus, als wären sie auch gespannt, wie es ausgehen würde. „Bereit ihr beiden?“, frage Elama. Barando und der Junge nickten. Elama pfiff und die Segler flogen langsam los. Barando und Gog liefen, und nach wenigen Schritten hatten die Segler Kraft und Höhe genug und sie wurden emporgezogen. Wenige Meter über dem Boden flogen sie über das Blühland. Rufe des Erstaunens und der Freude waren zu hören, die Gefährten am Boden klatschten und jubelten und Gog versuchte, eine Verbeugung in der Luft zu machen. Ein Abenteuer, wie er es noch nie erlebt hatte. Sie schwebten über dem Grün, sahen die Pflanzen, die Siedlung der Faune, die Wächter, sahen wie alle winkten und riefen, und kurze Zeit später setzen sie die Segler genauso ab, wie sie gestartet waren. Blitzschnell lösten Gog und Barando die Seile, rollten sie ordentlich zusammen und die Segler erhoben sich erneut. Es ging. Tatsächlich. Sie würden weiterkommen. Oh M’go, was für ein Dank an dich.                                                                Es dauerte fast den ganzen Tag, bis alle hinüber waren. Barando sah sich schon einmal etwas um. Hier war wieder Winter, kalt, nass. Sie sammelten viel Holz für die Nacht an einer windgeschützten Stelle direkt am Waldrand hinter einigen größeren Felsen. Endlich kam als letzte Elama angeflogen. Sie entließ die vier dazugekommenen Segler, und bat sie, zurück zu kommen, sollte es im Dorf etwas Wichtiges geben. Unter zischen und krächzen flogen sie davon, und alle winkten ihnen nach. Dann bereiteten die Frauen eine Mahlzeit, zusammengerückt um das Feuer. Mala stand am Waldrand und runzelte die Stirn. Besorgt sah sie hinein. „Was ist?“, fragte Elama. „Der Wald ist viele Tage tief. Danach kommen wir an das Endlosmeer und dann –die Insel der Eurenken. Beides fast unüberwindlich.“ „Wir werden das schaffen. Wir – müssen es.“ Die Nacht brach schnell herein und alle legten sich schlafen. Selbst die Segler waren erschöpft, und so mussten die Bogenjungen und Barando jeweils eine Wache übernehmen. Aber die Nacht blieb ruhig. Bitterkalt war es am Morgen, und schnell rafften sie alles zusammen, um nur ja in den schützenden Wald zu gelangen. Die Reihenfolge bildete sich schnell, und Stunde um Stunde folgten sie dem Pfad. Wer ihn getreten hatte und wie lang er war, wusste niemand. Aber links und rechts war der Wald so dicht, dass sie nur den Pfad benutzen konnten. Selbst Mala kannte viele der Pflanzen nicht, und einige kleinere Tiere, die vor ihnen davonhuschten, waren ihnen ebenfalls unbekannt. Manche Stellen des Waldes waren besonders dicht, und fast schwarze Riesenbäume erhoben sich hier. Verdeckt durch die Äste und Blätter waren dort in luftiger Höhe die Baumhäuser der Traumgestalten. Aber sie hatten sie noch nicht gesehen. In vielen Geschichten war von diesen merkwürdigen Wesen erzählt worden, die Träume brachten, spielten. Erst am Abend wurden sie munter. Das merkte Barando als erster. Er saß etwas abseits der anderen, dacht an die Familie, den schrecklichen Tod, den sie mit Sicherheit erlebt hatten, erleben würden. Plötzlich huschte ein Lichtfleck an ihm vorüber. Er erschrak. Der Lichtball kam wieder, verformte sich. Ein Gesicht wurde erkennbar. Ein Mädchengesicht. Und eine tiefe Stimme ertönte. „Ihrr werrdett alle Sterrben!“ Ein Kichern, dann eine Mädchenstimme. „Ihr seid verloren, ihr seid verloren….“ Wie ein lustiger Kinderreim. Allen war klar, dass es sich um Traumwesen handelte, doch trotzdem bekamen sie Angst. Die Kinder kuschelten sich aneinander, die Frauen griffen nach Dolchen und Lanzen und die Bogenjungen standen bereit, die Pfeile auf der Sehne. Ein weiteres Gesicht, noch eines. Sie verformten sich immer wieder, in die Gesichter ihrer Liebsten, in Hunde, in Maranen, in Faune, in Zentauren, in alles …. Und immer diese Stimmen, die völlig ohne Sinn irgendwelche Sätze riefen. „Kommt Kinder, Essen.“ „Der Mond scheint.“ „Ihr verhungert.“ „Wirr tötten euch.“ Dann erschien ein großer Lichtschein.                                                                                                                             Eine freundliche Frauenstimme sagte: „Wir wollen euch nicht. Ihr zerstört die Ruhe und Ordnung des Waldes. Geht. Geht schnell, denn viel Zeit lassen wir euch nicht.“ Dann verschwand sie wieder. Die Erwachsenen setzten sich zusammen. „Was können wir dagegen tun?“, fragten die Frauen. Alle sahen Elama an, die am meisten von allem wusste. „Nichts. Wir müssen sie ertragen. Sie sind nur Lichtgestalten. Sie verbreiten Angst mit ihren Stimmen. Aber sie können uns nichts tun. Wir werden sie jeden Abend aushalten müssen, so lang wir hier im Wald sind. Lasst euch nicht verschrecken, lasst sie tanzen und rufen. Sie können keinen Schaden anrichten.“ „Außer dem Schmerz im Herzen.“ Mala flüsterte es. Und mit einem Male brach da ganze Unglück aus ihnen heraus und sie weinten. Alle.
Drei Tage dauerte ihr Marsch durch den Wald. Und drei schreckliche Nächte mit den Traumwesen. Zum Schutz hatten sie sich teilweise Stoff in die Ohren gestopft, um wenigstens ein bisschen Ruhe zu bekommen in der Nacht. Sie kamen auf dem Pfad schnell voran. Barando verbot es, zu jagen. Er wollte niemanden hier im Wald aufschrecken oder ärgern. Mala erkannte einige Pflanzen und Beeren wieder, die sie zu ihren Mahlzeiten aus altem Brot und Trockenfleisch verzehrten. Wasser gab es in kleinen Quellen, aber jedes Mal mussten sie sich überwinden, daraus Wasser zu schöpfen, denn die Quellnymphen bettelten und flehten, ihnen nicht das Wasser zu nehmen, dass sie zum Leben brauchten. Obwohl die Quellen flossen und flossen. Die Nymphen waren nicht bereit, zu teilen. Barando schöpfte ohne Skrupel, was die Schar brauchte, und bedankte sich dann spöttisch. Am vierten Tag erreichten sie den Waldsaum. So sehr ihnen der Wald auch Schutz gegeben hatte vor dem Winter und der Kälte, so sehr waren sie froh, ihn verlassen zu können. Die Traumwesen hatten gewütet und waren immer dreister geworden, als sie merkten, dass die Gruppe sich nicht vor ihnen fürchtete. Jetzt war endlich Ruhe vor ihnen. Nun standen sie am Meer. Weit, weit hinten, unsichtbar, war das Land der Eurenken. Elama rief Roses und Rase zu sich. Sie wollte die Segler vorausschicken, das Land suchen, und die Botschaft und Frage übermitteln, ob sie kommen dürften. Dann bereiteten sie sich auf das Warten vor. Und endlich, nach vielen Stunden, kamen die Segler zurück. Sie flogen Schleifen und Rollen als Zeichen, dass sie gute Nachricht brachten. Elama konnte kaum richtig zuhören, so aufgeregt war sie. Dann drehte sie sich zu den anderen um, die gespannt warteten. „Wir sind willkommen.“ Jubel brach aus. Endlich willkommen sein. Das hatten sie so gewünscht. „Wir sind willkommen. Wie die anderen.“ Elama hob die Hand. Stille trat ein. Die anderen? „Wir sind nicht die ersten. Einige Kämpfer haben den Weg dorthin geschafft. Einige Frauen und Kinder ebenfalls. Sie sind freundlich aufgenommen, und es gibt noch Platz für uns in Eurenkina. M’go sei Dank.“ Jetzt brandete richtiger Jubel auf. Sie umarmten sich und tanzten und jubelten und dann – standen sie vor dem Meer. „Und wie jetzt weiter? Kann jemand ein Boot bauen?“ Ein kleines Mädchen hatte dies gefragt. Betroffen wurden alle still. Asmonier waren Landbewohner. Sie hatten nichts mit Schiffen und dem Meer zu tun. Aber dann lächelte Mala. „Seht.“ Sie zeigte auf das Meer und in der Ferne konnten sie ein Schiff erkennen, getrieben von langen Rudern. Und als es näher kam sahen sie Eurenken auf dem Schiff, fröhlich und freundlich winkend, und Asmonen, Väter und Mütter. Und alle freuten sich. Endlich ein Neubeginn. Der Schrecken war zu Ende.

Gebet

Was tun, wenn Gott in das Leben eingreift? Darauf warten wir doch alle. Das erwarten wir. Manche immer, bei vielen hat der Herr es schon getan. Und noch mehr Menschen erkennen es gar nicht, wenn er es tut. Sie nehmen es als Ergebnis ihres eigenen Wirkens, ihrer eigenen Anstrengungen. Danken dem Herrn vielleicht für das Gute das geschieht. Aber beanspruchen den Erfolg für sich. Und das nicht so gute, das geschieht? Das, was wir gar nicht wollen? Beten wir richtig? Haben wir die richtige Einstellung zu unserm Gebet, zu unserer Bitte? Was ist mit dem Satz, den auch Jesus betete im Garten Gethsemane. „Doch nicht was ich will, sondern was du willst geschehe.“ Beten wir diesen Satz mit? Und wenn, ist er ehrlich gemeint?

Gedankenleere

Gedankenleere

Warmes Dämmerlicht, leichter Wind, Tagesende.
Der Bach glitzert ganz leicht in den letzten Strahlen,
zwitschert, gluckert, freundliche Töne.
Weiter unten murmelt er Gedanken für die Nacht.

Das volle Grün wird grauer. Verschattet sich.
Sanft wiegen die kleinen Zweige, leichtes Rauschen, kaum hörbar.
Letzte Vögel geben bekannt, dass Nachtruhe wird.
Betten sich ein in Nester und auf Zweigen.

Seine Füße stehen fest auf dem Grund.
Waldboden, moderig duftend, federnd beim Gehen.
Fest und angenehm im Stand. Sein Blick wandert langsam.
Über Stämme, Äste, Bach, Wiese, auf den Horizont.

Allein mit sich, seiner Seele, seinen Gedanken.
Zur Ruhe kommend, das Kreisen bremsend.
Fast überraschend die Leere, die Leichtigkeit.
Überwältigend das gute Gefühl.

Aufatmen, auftanken, befreien, entpflichten.
Für diesen Moment, unendlich kostbar.

Frieden!